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Deutsche Architekten im Elsass 1940‚Äď1944

Das Elsass, Stra√üburg, franz√∂sisch seit 1683 bis 1871, 1918-1940, nach 1944. Deutsch 1871-1918, 1940-1944, im 19. und 20. Jahrhundert architektonisch-architekturgeschichtlicher Nebenschauplatz. Hier Beispiel f√ľr einen machtpolitisch bedingten besonders gro√üen st√§dtebaulich-architektonischen planerischen Freiraum in Grenzregionen. Und f√ľr eine methodisch und im Ergebnis nicht ganz √ľberzeugende, √ľbergreifend bi-nationale Forschungsperspektive:

Die in wilhelminischem Prunkstil 1871 bis 1918 erbaute cite allemande/Neustadt Stra√üburgs, Hauptstadt des Reichslandes Elsa√ü-Lothringen, schloss sich noch unmittelbar an die von der Ill umrahmte Altstadt an. Das in einem nie entschiedenen oder realisierten Wettbewerb 1940/41 geplante administrative und kulturelle Zentrum der k√ľnftigen Gau-Hauptstadt Oberrhein hingegen, Mittelpunkt dieser Arbeit, lag kontrapunktisch zur Altstadt am Rhein, nun Kehl und das ‚ÄěReich‚Äú stadtplanerisch-infrastrukturell verbindend. Und, anders als zur Kaiserzeit, nun mit Gauforum, Partei- und Verwaltungenbauten, zentralen Pl√§tzen alleine machtpolitisch-strategisch gedachter st√§dtebaulich-architektonischer Kontrapunkt zum ‚Äěalten‚Äú Stra√üburg und der -meist ‚Äď von Integration bestimmten (hier kaum angesprochenen) Stadt- und Architekturplanung in Stra√üburgs franz√∂sischer Zeit. All dies h√§tte man in dieser Studie gerne ausf√ľhrlicher gelesen, in der die regional-els√§ssische Abneigung gegen die franz√∂sische Stra√üburger Architektur der Drei√üiger Jahre und die als inhaltsleer und preu√üisch empfundene Neustadt-Architektur √ľberzeugend dokumentiert ist. Dies gilt auch f√ľr einen zweiten Kernpunkt dieser Arbeit, die Stra√üburger ‚ÄěBaufibel‚Äú, mit der eine NS-ideologisch genehme F√∂rderung els√§ssisch-regionaler Architekturformen begr√ľndet werden sollte.
Die vom Buchtitel nicht getragenen nur zwei Beispiele f√ľr Industriebauten deutscher Architekten im Elsa√ü jener Zeit erinnern an einen (fehlenden kurzen) vergleichenden Blick auf die Industriearchitektur im ‚ÄěReich‚Äú. Mit ihm kann Erich Neuferts konstruktivistisch-rationalistische Rheinauer Fabrik f√ľr Flugzeugelektrik (1940/41) dann nicht mehr wie hier als els√§ssischer Solit√§r erscheinen, sondern als Beleg f√ľr nur in der Industrie, nicht aber bei Verwaltungs- und Parteibauten erlaubtes Bauen. Els√§sser Widerspiegelungen von ‚ÄěReichs‚Äú-Strukturen, wie sie im konkurrierenden Stra√üburger Planungs-Nebeneinander von Partei und Kommune einsichtig aufgezeigt werden.
So formt sich das Bild von einer Arbeit, in der (auf der Basis eines umfangreicheren Ausgangstextes?) nationale architektonische (Dis-)Kontinuit√§ten zu marginalisiert unter dem Dach eines bi-nationalen Ansatzes erscheinen. Das methodisch-architekturgeschichtliche Abbild eines zeit√ľblichen Europaverst√§ndnisses, dem nationale Differenzierungen nachgeordnet werden? Es pa√üt in dieses Bild, da√ü das wenig √ľberraschende Ergebnis dieser Studie, die Existenz bi-national planerisch-struktureller √Ąhnlichkeiten in Grenzgebieten, gar nicht (mehr) gewertet wird. Soda√ü, zum Beispiel, die imperiale deutsche Stadtplanung f√ľr Stra√üburg 1940-44 als gleichwertig mit der modernistischen franz√∂sischen tabula-rasa-Konzeption f√ľr das zerst√∂rte Mainz der Franz√∂sischen Besatzungszone nach 1945 erscheinen kann.

Doch genug der Einwendungen an einer Studie, in der aus umfangreichem Quellenmaterial auch personelle und architektonisch-planerische Kontinuit√§ten (Traditionalisten, Modernisten) im Elsa√ü und Baden vor und nach 1945 aufgezeigt werden, Schauplatz von Protektionen aus politischen Gr√ľnden, Rivalit√§ten, Eitelkeiten, Beziehungsgeflechten. Geliefert wird hier ein von Architekten und Architektur gepr√§gtes Zeitbild, dem man inhaltliche Abrundungen w√ľnscht und das mit seiner auch f√ľr Laien verst√§ndlichen Sprache nicht nur Architekturhistoriker ansprechen kann.

27.01.2013
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Voigt, Wolfgang. Deutsche Architekten im Elsass 1940‚Äď1944. Planen und Bauen im annektierten Grenzland. 228 S., 95 fb. Abb., Pl√§ne und Landkarten. 24 x 16 cm, Gb. Wasmuth Verlag, T√ľbingen 2012. EUR 24,90 CHF 35,50
ISBN 978-3-8030-0755-1   [WASMUTH & ZOHLEN]
 
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