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Neue Nationalgalerie Berlin - Mies van der Rohe

Hundertemal vorbeigefahren.
Berlin, Potsdamer Platz, Philharmonie, Kulturforum, Staatsbibliothek, dann Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie von 1968, eckiger TempelsolitĂ€r in architektonisch gerundeterem Umfeld. Vorbeigefahren jahrelang mit Groll ĂŒber die Nutzung dieses Marksteines der architektonischen Moderne (nur) als Event-Ausstellungshalle. Verhaltene Kritik daran in diesem Buch zeigt spĂ€ter aber doch Einsicht und beim genauen Lesen auch den Grund dieser temporĂ€r einseitigen Nutzung: da hat einer, Mies van der Rohe, zur (spĂ€teren) Freude der Architekturhistoriker und konstanten Herausforderung fĂŒr jeden Museumsdirektor, ein funktional widersprĂŒchliches GebĂ€ude entworfen, Museum fĂŒr eine Sammlung im unteren und zugleich transparente Ausstellungshalle und Pavillon im oberen Teil. Tröstlich, dass fĂŒr den Buchautor und Galeriedirektor dieser Gegensatz heute nutzungskonzeptionell gelöst ist: durch die (hoffentlich nun) stĂ€ndige PrĂ€sentation auch des Sammlungbestandes (hauptsĂ€chlich GemĂ€lde und Skulpturen aus Deutschland und den USA zwischen 1900 und 1960) und die nun davon separierten Ausstellungen von sich atmosphĂ€risch wirkungsvoll in den glastransparenten oberen Teil einfĂŒgenden Werken zeitgenössischer Arbeiter der Kunst.
Dies zur Orientierung vor jenem Rundgang durch die Neue Nationalgalerie, zu dem dieser Band einlĂ€dt, so zugleich auch zu einer Raum- und Zeitreise in die Architekturgeschichte der klassischen Moderne: Visualisierte ErlĂ€uterungen verdeutlichen die bekannten architektonischen Grundprinzipien Mies van der Rohes (Eliminieren sichtbarer tragender Teile/WĂ€nde, verglaste Transparenz zwischen Innen- und Außenraum) und ihre Korrespondenz mit der innenarchitektonischen Gestaltung dieses Baues. Eine solche van der Rohe-Offerte an das Publikum ist nicht neu – neu jedoch in der hier vorgelegten durchgĂ€ngig vorzĂŒglichen Diktion, der Mies-bezogenen Buchgestaltung und damit Angebot an all jene, die bisher lediglich neugierig auf den Architekten oder diesen Schlußstein seines Lebenswerkes waren - ein appetitlicher van der Rohe-Appetizer also. Gelungen in Stringenz und Abfolge auch die ĂŒberzeugend-anschaulich prĂ€sentierte Genese (Berliner Architektenzeit bis zur Übersiedlung in die USA 1938, der Deutsche Pavillon zur Weltausstellung in Barcelona 1929, dem nicht realisierten Bacardi-Bau auf Kuba 1958/59), Planung und Realisierung dieses Gebaudes. Kritische Reflexion architektonischer Gestaltungsprinzipien kann so hier kein Thema sein, einen kritischen RĂŒckblick auf das ab 1938 stĂ€dtebaulich nationalsozialistisch kontaminierte GelĂ€nde der heutigen Neuen Nationalgalerie hĂ€tte sich der Rezensent jedoch gewĂŒnscht. Kritik bleibt nicht ausgespart, wie die versammelten Stimmen junger Berliner Architekten von heute und, bereits im Einweihungsjahr, die Grafik des Happening- und Fluxus-KĂŒnstler Wolf Vostels zeigt: dort ist ĂŒber der Nationalgalerie ein KĂŒchenmixer zu sehen, Aufforderung zu unkonventionellerer Umgang mit Architektur. Textliches Rankenwerk jedoch auch dies, ebenso wie die SammlungsbestĂ€nde der Nationalgalerie, die hier nur sehr kursorisch behandelt werden. Womit sich dieser Band in Text und Fotografien als Gewinn fĂŒr jeden architekturgeschichtlich interessierten Laien erweist, dem hier einprĂ€gsam die Gestaltungsprinzipien van der Rohes am Beispiel dieses GebĂ€udes und im Kontext seiner Bauten vorgestellt werden.

Verlassen wir aber dieses Buch und die Neue Nationalgalerie aber nicht nicht ohne eine Momentaufnahme von einem SpÀtsommertag:
Auf der vorderen Terrasse der Nationalgalerie wie hÀufig Englisch sprechende Skater, ein junger Mann auf einem Kunstrad; zwei- bis dreimal in der Woche sei er hier, ein idealer Parcours. Im Innern des Glaspavillons Gabelstapler, Kisten, Paletten; die nÀchste Ausstellung wird vorbereitet.

Die Metalleinfassungen vieler Scheiben rosten, einige der sie einfassenden Glasscheiben haben einen Sprung. Etwas abseits auf der Terrasse Thomas SchĂŒttes Drei-Meter-Bronzefigur „Vater Staat“ von 2011, ein Mann mit NachtwĂ€chtermĂŒtze dessen Arme sein Mantel versteckt: er gibt nichts mehr, kann gar nichts mehr geben - Symbol fĂŒr die seit vielen Jahren ausstehende Sanierung dieser Berliner Ikone der klassischen Architekturmoderne ?

9. 10. 2011
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
JĂ€ger, Joachim. Neue Nationalgalerie [Berlin]. Mies van der Rohe. 108 S. 100 Abb. 22 x 22: cm. Gb. Hatje Cantz, Ostfildern 2011. EUR 25,00.
ISBN 978-3-7757-3144-7
 
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